Geschichte

 

Die Geschichte der Nölli-Grötze

 

Im späten Mittelalter - wir schreiben das Jahr 1502 ging in der Stadt Luzern die Pest um. Der schwarze Tod machte weder beim Adel noch beim Proletariat halt. Der fürchterliche Tod kannte keinen Stand und keine Klasse. Angst, Hunger und Elend waren vorherrschend.

Die Ärzte von damals verschrieben den Menschen die abenteuerlichsten Massnahmen zur Vorbeugung gegen eine Pesterkrankung. So empfahlen sie beispielsweise die Einnahme von Theriak (eine im Mittelalter besonders bei Vergiftungen angewandte opiumhaltige Arznei mit 60-80 Bestandteilen), sie machten blutige Aderlässe oder verschrieben Schwitzkuren, das Kauen von Wacholderbeeren, Lorbeer, Knoblauch, Weinraute oder die Einnahme eines Gemischs aus Schwefel. Bei der Beulenpest war eine der wenigen wirklich wirksamen Methoden die chirurgische und schmerzhafte Öffnung der Pest-Beulen, damit der Eiter abfliessen konnte, was den Patienten wohltuende Linderung bescherte. Als sprichwörtliches Wundermittel galt das Auflegen einer aufgespiessten Kröte, welche zuvor in Wein und Essig eingelegt worden war. Auch später noch schrieb man der Kröte eine ganz besondere Heilkraft zu.

Gegen den schwarzen Tod half aber in Tat und Wahrheit kein Mittel!

Immer und immer wieder fand der Beulentod seinen Weg in die Stadt Luzern und wütete mit höchster Aggression, denn wer von der Infektion befallen war, wurde innert weniger Tage, ja sogar wenigen Stunden, kläglich und jämmerlich dahingerafft. Panik brach unter der Stadtbevölkerung aus, und ununterbrochen fuhren die Leichenkarren vor die Bürgerhäuser und Adelspaläste, um die Toten abzuholen. Bald lagen die Leichen tagelang in den Strassen von Luzern, da es an Totengräbern fehlte oder diese ihre Arbeit bei dem Massensterben nicht mehr bewältigen konnten.

Deshalb wurden eiligst Häftlinge aus den Gefängnissen und Verliese der St. Jakobsvorstadt geholt, welche diese grausige Arbeit verrichten mussten. Ausserhalb der Stadtmauer wurden grosse Pestgruben ausgehoben, in welchen die Unmengen an Toten bestattet wurden. Zeitgenossen berichteten gar, dass die Stadttore nicht ausreichten, die Leichenmassen aus der Stadt zu führen.  Erschütternde Szenen müssen sich in Luzern abgespielt haben, von verzweifelten Angehörigen, die ihren toten Familienmitgliedern nachliefen, als sie abtransportiert wurden oder von verwaisten Kindern, die weinend in den Strassen umherirrten. Wer noch nicht von der Pest heimgesucht wurde und genug Geld hatte, der flüchtete aus der Stadt.

Für die Aussätzigen hatte man in der St. Jakobsvorstadt das so genannte Siechenhuus eingerichtet. Die St. Jakobsvorstadt, das Gebiet zwischen Baslertor und Sentitor, war schon früh Stätte des "Unerwünschten": Gefängnis, Kaserne, Schlachthof, Viehmarkt. Eine stinkende Kloake vor den Toren Luzerns. Das Siechenhaus stand schon um 1300 dort.

Man verbannte die todkranken Leute dorthin und überliess sie ihrem kläglichen Schicksal. Niemand wollte etwas mit ihnen zu tun haben. Sie waren in ihrer Armut ganz alleine auf sich gestellt. Und wer nicht am schwarzen Tod starb, verhungerte jämmerlich.

Einigen betuchten Stadtbürgern war diese grausige Tatsache zuwider und sie beschlossen, die Aussätzigen, oder Siechen wie sie genannt wurden, zu verköstigen. Auf dem Platz hinter dem alten Nölli-Turm (erst 1513 wurde auf den Grundmauern der jetzige Turm errichtet) wurde eine Feuerstelle eingerichtet. Dort wurde dreimal in der Woche ein Hirsebrei gekocht, eine so genannte Grütze oder in der Mundart Grötze.Die armen Siechen der Stadt Luzern wussten also fortan, wenn die Not um sich greift, dass sie beim Nölli-Turm eine feine Grötze bekommen... eine so genannte Nölli-Grötze.


30. September 2010
R. G. Käch